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Gipfelkreuz Wetterkreuzspitz

Flurnamen

Geschichte, die in den Boden sickert

Flurnamen bezeichnen Orte mit besonderer Geschichte. Oft sind es bezaubernde Plätze, die von harter Arbeit und Naturgewalten erzählen. Ich besuche diese Plätze, ein Brauchtums-Forscher gräbt mit mir in der Erde und der Vergangenheit.
Erste Ferienregion im Zillertal: Hier mache ich Urlaub. Genau gesamt inmitten der Lichtung eines dunkelgrünen Walders fiel ich vom Himmel: am Kupfnerberg oberhalb der Talgemeinde Uderns.

Gewöhnliches Grün im Zillertal
„Grinangerl“ heißt das hier, verrät ein Kupfnerberger Ureinwohner mit zerknittertem Gesicht, fast schwarz von der Sonne und mit urigem Dialekt. Zu den Udernern da untern gehören sie nicht, die Kupfnerberger. Die Uderner waren immer ein bissl „schmattige“ (Zillertalerisch für reiche Leute). Nein, zu den Fügenern auch nicht. Kupfnerberg ist Kupfnerberg! Einen Ballwurf vom Grinangerl entfernt zeigt er mir den „Hinterm Haus Acker“, daneben den „Oberm Haus Acker“ und den „Impm Hausacker“ (Impm steht für Bienen). Das gehört zum Seehüterhof, aber nicht zum Badlinghof, der schaut hinüber zum Spitzacker und Rosskopfacker. Von dort geht’s zum Hasental hinunter und zum Fasserhäusl. Ein ganzer Natur-Kosmos drängt sich auf der Lichtung von 500 Metern Durchmesser mit einer Handvoll Häuser und einer einzigen Straße. Alle paar Schritte, scheint es, haben die Grünflächen neue Namen. Flurnamen.

Tannrieskessel im Winter
Blick von der Parmries, Reitherkogel

Michl Rainer springt durch die Fluren
Einer schrieb die Flurnamen der Umgebung auf: Der Michel Rainer. Seine Familie ist hier seit 350 Jahren verwurzelt. Die Großmutter war Forstmeisterin, der Großvater Jäger, und alle Rainer-Männer sind Schützen. Michl kennt sich aus in dem Namens-Gestrüpp. „Was denkst du, heißt Grinangerl?“ fragt er. Naja, soweit bin ich schon fit im Tirolerischen: Angerl bedeutet kleine umgrenzte Weide und Grin ist Grün. „Ganz weit daneben“, stichelt er. „Gerüne“ stamme aus dem Althochdeutschen und bedeutet umstürzende Bäume. Hier hat es wohl vor Urzeiten einen großen Windwurf, einen Baumschaden nach dem Sturm, gegeben. Das Grienangerl war die Gemeinschaftsweide der Kupfnerberger und markiert das untere Ende des Kunigwaldes. Bei dem wiederum streitet man sich, ob er einst Königswald war oder an den Familienname Kunig anlehnt. Bis 1785 waren die Brixner Kirchenfürsten Waldbesitzer und sie regierten bis 1805 etliche Gemeinden in der Ersten Ferienregion im Zillertal: Strass, Schlitters, Ried und Uderns, dort findet sich oft „s'Kunigische“.
 
Vom Penzenschnall über die Ries ins Tal
Mit dem Wissen des findigen Michl verwandelt sich der Spaziergang durch ziemlich gleiche Wald und Wiesen in eine spannenden Zeitreise: Gehörig viel Selbstironie streut Michl in seine Erklärungen ein. Vom Grinangerl aus schlagen wir uns durchs Unterholz des Kunigwaldes einen Graben hinab. Kurz bevor wir die Sohle des Finsingbachs erreichen, wässert eine kleine Quelle den Hang: Penzenschnall heißt sie. Diesmal kann der Experte dem Namen nicht auf die Schliche, den unter „Schnallen“ versteht man hier einen Knall. Michl: „Das Wasser soll vorzüglich zum Trinken sein, sagt der Buttenhaus Ernst.“ In Richtung des Zillertaler Beckens wenden wir uns. Von vielen Rinnen durchsetzt fällt das Waldgelände ab. Jeder dieser Gräben hat ebenfalls seinen eigenen Titel: die Hohe Ries, die Alpbach Ries, die Tann Ries, Stein Ries, Tung Ries. Standen Riss oder Reisig Pate? Durch eine Ries, erläutet der Experte mit Armen zum Trichter geformt, zog man Baumstämme ins Tal. Idealerweise hat eine Ries das passende Gefälle, ist frei von Geröll und zieht sich ins freie Gelände, wo Pferde das Holz rückten (zogen). Das „Tung“ steht wiederum für Donner. „Im Zillertal tuats tungen“, nickt Michl. Wer den himmlichen Krach richtig in Mark und Bein spüren will, der soll bei Gewitter aufs 1635 Meter hohe Durjoch hinauf. Beim Duhaus jedoch hätte nicht die Naturgewalten gepoltert, sondern das Militär: Dort lag ein Aufgebotsplatz. Der Krach kam vom Aufstellen der Regimente.

Michl Rainer Ortschronist
Seebachhütte

Pfarrerlus, Puit und Rosspfranger
In jedem Flecken des Zillertals steckt eine Story: Der Pfarrerlus war die Verlassenschaft des Geistlichen, die sich ein Bauerlein einverleibte. Am Rosspfranger neben dem heute noch bestehenden Gasthof Traube erholten sich vor 150 Jahren müde Pferde, heute ist er ein asphaltierter Ruheplatz für Pferdestärken auf Reifen. In der Punggalack, einer großen Pfütze neben der alten Kashütte sammelte sich wohl speziell riechendes Wasser aus der Sennerei. Noch in den 1960er Jahren lebte die fröhliche Namensgebung im Dorf: Eine „Issl“ (Gemeinschaftsweide) nützten Lehrer im Herbst für Gymnastik im Freien, die „Turnissl“ wurde der Flecken gleich genannt.
 
Die Wissenschaft schreibt Bücher, die Rettung rückt aus
Tausende Flurnamen haben Michl Rainer, sein Schlitterer Chronisten-Kollege Rudi Kailer und hunderte andere Tiroler Forscher auf Karten vermerkt. Die wissenschaftliche Flurnamenerhebung umfasst aber auch Audio-Dateien, von Ortsansässigen original tirolerisch ins Mikro gesprochen. Für Michl ein Leichtes. Andernorts konnten sich nur mehr sehr alte Tiroler entsinnen und den Flurnamen korrekt aussprechen. Auflage der Wissenschafter: Die eigenen Zähne sollten die Sprecher noch tragen - der korrekten Posodie, Vokalquantität und Nasalierung wegen. Der Flurnamen-Schatz bereichert nicht nur Mussen und manchen Urlaubstag, er hilft den „Blaulichtdiensten“. Bergrettung und Feuerwehr finden den Flurnamen auf tirismaps und ihre Einsatzstelle ziemlich punktgenau, auch wenn GPS versagen sollte.

Danke Michl, danke Chronisten!
Alle fachlichen Ausführungen sowie das Zillertaler Flurnamen-Lexikon stammen von Michael Rainer, Chronist des Ortes Uderns, Erste Ferienregion im Zillertal. Mit den Kollegen der Gemeinden rundum – Strass, Bruck, Fügen, Hart, Ried, Stumm, Kaltenbach, Stummerberg, Füngenberg und Aschau – steht er in engem Austausch. Die Flurnamenerhebung wurde vor 2011 abgeschlossen, doch noch heute entdecken sie sprachliche Kostbarkeiten.
 
So nehmen Sie die Fährte auf:
   TirisMaps > Basisthemen > Beschriftung > Flurnamenerhebung
•   Besuch des Heimatmuseums im Zillertaler Urlaubsort
•   Einkehr im ältesten Gasthaus im Ort, oder Wirte, Jäger, Förster, Bauern fragen
•    Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum
•   Den Vermieter oder Hotelier fragen: Fast jeder Tiroler entstammt als „Weichender“einem Bauernhof und ist stolz auf seine Wurzeln. Damit steckt man schon mittendin, im Flurnamen-Fundus.
 
 
Zillertaler Flurnamen-Lexikon
Gemeinschaftsweiden am Kupfnerberg
(Quelle: Hotter Johann „Rauth Hansl“ vom Kupfnerberg)
Die Gemeinschaftsweiden am Kupfnerberg auch „Bluam Bsuach“ genannt wurde von allen Bauern die zum Ortsteil Kupfnerberg gehören gemeinschaftlich genutzt.
Die Namen der aufgesuchten Weideplätze:  
Achelheit, Grien Angerl, Seebach, Steinriss, Moosriss, Hochriss.
 
Erklärung zu alten Flur, Hof & Gewässerbezeichnungen
Gissen =  „Gizzo“ (sprich -ss-) bedeutet ein in der Talsohle langsam fließendes Gewässer.
Gerüne = Grien oder Grun bedeutet einen Ort mit gestürzten Bäumen.
Laa = bedeutet ein ruhig fließender Bach im Tal oder auch Sumpfwasser.
Luß = bedeutet einen Losanteil
Riad = bedeutet Rodung
Troiat = oder Trojen bedeutet einen Viehtrieb oder Steig des Weideviehes.
Isse = oder Issl bedeutet einen ebenen Weideplatz
Peunte = oder Puit bedeutet ein umzäuntes Grundstück in privaten Besitz, auch Infangl genannt.
 
Alte Feldnamen:
(von Uderner Einwohnern erfahren)



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