NAVIGATIONNAVIGATION

Suchen & Buchen

Weitwandern

Genüssliche Alpenüberquerung

Wer langsam geht, kommt schnell voran – so auch beim Weitwandern vom Tegernsee über Fügen im Zillertal bis nach Sterzing. Zwei der schönsten Etappen stelle ich euch vor; auch das Liebesding mit Judith.

Weitwandern beruhigt
Eine Alpenüberquerung vom Tegernsee über Fügen im Zillertal bis nach Italien ist eine schiere Begegnung mit Gott. Keine Angst, ich bin nicht religiös, aber es gibt Dinge, die haben etwas Spirituelles. Es ist die vielzitierte Entschleunigung beim Weitwandern, die es ausmacht: der Ausstieg aus dem Alltag auf Zeit – keine leeren Phrasen, sondern Tatsachen. Schon am zweiten Tag habt ihr das Arbeitsleben vergessen, kommt euch selbst wieder näher und könnt gelassen durchatmen. Bewegung tut nämlich Geist und Körper gut, kleine Schritte bringen euch langsam ans Ziel, das soll so sein. Die Natur in den Bergen trägt auch zum Göttlichen bei: Gämsen und Steinböcke, die euch neugierig von weiter oben beobachten, das meditative Plätschern von Quellwasser eines Brunnens oder der Duft einer frisch gemähten Bergwiese. Habt ihr sie gerade gerochen? Ich hatte sie beim Schreiben des Beitrags wieder in der Nase. Zur Begegnung mit sich Selbst, dem Transzendent und der Natur kommen Begegnungen mit Wanderern, eine angenehme Gattung Mensch: Die Weggefährten der Ruhe erweisen sich als sympathische Zeitgenossen – entspannt, offen und achtsam.

Nach 7 Etappen von Deutschland über Österreich nach Italien (Südtirol) seid ihr also so entspannt, dass ihr euch wieder auf die Arbeit freut. Die 2 Etappen vom Tegernsee über den Achensee (Tiroler Fjord) sind schon je eine Klasse für sich; auch Richtung Italien ist´s wunderschön. Aber im Zillertal bin ich einer alten Studienkollegin über den Weg gelaufen, besser gesagt über den Weg gewandert und alles von früher war sofort wieder da.

Maurach – Hochfügen; die Begegnung
Ich steige aus der Zillertalbahn am Bahnhof in Fügen aus und nehme einen Zug von der frischen Luft. Gestern schwamm ich noch im smaragdgrünen Wasser des Achensees, heute überwältigen mich die Zillertaler Alpen. Als ich durch den Ort Fügen spaziere, lächelt mich eine Frau in meinem Alter an. Ich verrate euch mein Alter jetzt nicht. Die Lady trägt einen Rucksack, kurze Wanderhosen und eine Sonnenbrille. Sie steckt sich diese in ihr Haar, schaut mich an, lächelt und meint verschmilzt: „Wir kennen uns.“ Ich lächle zurück und antworte: „Wir haben zusammen studiert, Judith!“

Sich hier zu treffen, ist das eine. Herauszufinden, dass wir denselben Weg vor uns haben, ist das andere. Ohne ein Wort zu sagen, sind wir uns einig: Den Rest der Alpenüberquerung gehen wir gemeinsam. „Wollen wir lieber nach Hochfügen wandern?“, fragt sie. „Klar!“, stimme ich zu. Viele nehmen gerne den Wanderbus nach oben, wir schalten einen Gang zurück und genießen den Weg zu Fuß. Judith wirkt sehr vertraut und ich freue mich, sie wieder zu sehen. „Kannst du dich an unser Gespräch im Hörsaal erinnern?“, fragt sie. Ich nicke. „Seit damals hat es gefunkt“, gesteht sie. Bei so viel Offenheit, bleibt mein Atem kurz aus, mein Herz klopft. Ein verlegenes Lächeln ziert mein Gesicht, aber die Freude in meinen Augen bleibt Judith nicht verborgen.

Nach dieser ehrlichen Ansage genießen wir erstmal schweigend die Aussicht auf die nahen Gipfel im Zillertal, die Kalkformationen im Karwendel, das Rofangebirge und sogar den Wilden Kaiser, bevor ich Judith eine Almrose pflücke und ihr in die Haare stecke. Nun ist sie verlegen. Wir schlendern gemütlich weiter.

Entlang des Steigs über die Gartalm zum Loassattel wachsen duftende Zirbenbäume in einer Landschaft aus Granit. „Schau!“, flüstere ich. „Eichhörnchen.“ Ein altes und zwei Jungtiere klettern den Baum zu uns herunter. Neugierig nähern sie sich unseren Händen voll mit Haselnüssen, die Mutter ist noch etwas vorsichtiger als die Jungen. Alle drei fressen uns aus der Hand und finden es der Mühe nicht mehr Wert, wieder auf den Baum zu klettern.

Das letzte Stück der Etappe geht es gemütlich bis nach Hochfügen, ein bekannter Wintersportort, der zwar zum Verweilen einladen würde – wäre da nicht die Erlebnistherme in Fügen. Judith lässt sich nicht lange überreden, wir setzen uns in die Spieljochbahn und den Wanderbus, fahren wieder ins Tal und tun bei ein paar Aufgüssen in der Sauna unserer Seele und dem Muskelkater Gutes.

Später schlendern wir an dem lauen Abend noch in unsere Pensionen, die glücklicherweise fast nebeneinander liegen. Ein Abschiedskuss? Nur auf die Wange. Aber wieder steht selbstredend fest: Wir sind morgen wieder gemeinsam unterwegs. „Wann gehen wir weiter?“, grinst sie frech. Die Verabschiedung fällt uns beiden schwer, die lange Pause, bevor wir gehen, verrät´s.

Hochfügen-Mayrhofen, das Vertrauen
Wir treffen uns auf der Talstation in Hochfügen, ich bin ein wenig früher mit Wanderbus sowie Gondel raufgefahren und habe noch Fotos geschossen. Judith rennt mir entgegen und fällt mir um den Hals. Ich greife nach ihrer Hand, sie lächelt mich an, wir gehen los. „16 Jahre ist es her, seitdem wir uns das letzte Mal gesehen haben“, freue ich mich. „Schön, dass wir uns wieder getroffen haben“, antwortet sie.

Unsere 5. Etappe führt zunächst durch historische Almdörfer mit romantischen Holzhäusern, die es in dieser Form nur im Zillertal gibt. Vorbei an von Gletschern geschliffenen Felsen wandern wir bis zum Sidanjoch und zur Rastkogelhütte. „Ich wünschte, das alte Gletschereis wäre noch da,“ seufzt Judith. „Es würde bestimmt ein wenig kühlen.“ Es ist drückend heiß, aber schön.

Auf der Almhütte gönnen wir uns erstmal ein kühles Helles. „Wer wandert, darf auch Bier trinken“, grinse ich. „Auch zwei“, lacht Judith und legt sich in meine Arme. „Die Frau will es wohl wissen“, denke ich. „Wieso hast du mich auf der Uni nie nach meiner Telefonnummer gefragt?“, fragt sie. „Weil ich dachte, du gibst sie mir eh nicht!“, erwidere ich. „Sei froh, dass ich es nicht getan habe. Wer weiß, ob es damals schon gepasst hätte.“ Ein knurrender Hund? Nein. Mein Magen. Hunger! Kaspressknödel mit Salat sind eine Offenbarung auf allen Almhütten. Der Bergkäse quillt heraus, als ich mit einer Gabel reinsteche. Meine Augen leuchten – fast so wie bei Judiths Anblick.

Nun wartet noch ein kurzer Aufstieg bis zum Mitterswandkopf. Von dort führt ein schmaler Steig vorbei an Pfützen, noch aus der Eiszeit, entlang des Bergrückens bis zum Melchboden an der Zillertaler Höhenstraße. Wir sind ausnahmsweise faul und nehmen den Linienbus ins Tal hinunter, damit wir am Abend zum Essen mehr Zeit in einem urigen Wirtshaus für uns haben. „Die Kasspatzlen haben wir uns verdient“, sage ich zu Tisch bei schummrigem Kerzenlicht. Diesen Abend schlafen wir im selben Haus, wenn auch in getrennten Zimmern, eine stilvolle Dame weiß schon, was sich gehört. So habe ich sie immer schon wahrgenommen, aber einen Kuss hat sie sich nicht nehmen lassen.

Geht bitte Weitwandern auf einer Alpenüberquerung
Weitwandern ist viel mehr als Gehen. Es ist Medizin, die wohl unbezahlbar wäre, wenn man sie als Medikament verkaufen würde. Wanderer sind Studien zufolge die glücklicheren Menschen, denn langes Gehen wirkt gegen Kummer, Antriebslosigkeit und Depressionen. Für mich ist es eine Grundhaltung, die zur Ruhe führt, Menschen Teil der Natur werden lässt und einmalige Begegnungen ermöglicht: Ihr wollt bestimmt wissen, wie es mit Judith und mir weiter gegangen ist. Bis nach Italien sind wir natürlich zusammen gegangen und hatten eine schöne Zeit. Irgendwann sind wir uns auch näher gekommen, aber das ist eine Weitwander-Lovestory. Und ja, es hat gefunkt, wir sind bis heute ein Paar – das Zillertal sollte eigentlich das Tal der Liebenden heißen.

Fakten Alpenüberquerung

Etappe 1 (Gmund am Tegernsee – Wildbad Kreuth): Distanz: 6 - 22 km, Höhenmeter: 250 hm, höchster Punkt: 820 m, Gehzeit: 3-6 h

Etappe 2 (Wildbad Kreuth – Achenkirch): Distanz: 17 km, Höhenmeter: 850 Hm, höchster Punkt: 1.560 m, Gehzeit: 5 3/4 h

Etappe 3 (Achenkirch – Maurach am Achensee/Fügen): Distanz: 13,5 km, Höhenmeter: 200 hm, höchster Punkt: 1.000 m, Gehzeit: 4 h

Etappe 4 (Maurach – Fügen – Hochfügen): Distanz: 13 km, Höhenmeter: 450 hm, höchster Punkt: 2.040 m, Gehzeit: 3 3/4 h

Etappe 5 (Hochfügen – Mayrhofen): Distanz: 11 km, Höhenmeter: 900 hm, höchster Punkt: 2.280 m, Gehzeit: 4 3/4 h

Etappe 6 (Mayrhofen – Pfitsch): Distanz: 13 bis 18 km, Höhenmeter: 500 hm, höchster Punkt: 2.275 m, Gehzeit: 4 1/2 h bis 5 3/4 h

Etappe 7 (Pfitsch – Sterzing): Distanz: 15 bis 20 km, Höhenmeter: 150 hm, Höchster Punkt: 1.460 m, Gehzeit: 4 1/2 h bis 5 3/4 h

Wichtig: Nehmt das Weitwandern ernst und unterschätzt die Naturgefahren der Alpen nicht. Knöchelhohe Schuhe, Regenausrüstung, ein aufgeladenes Handy für Notfälle, genug zu Essen und zu Trinken sowie sorgfältige Tourenplanung sind Pflicht.

Weitere Details findet ihr hier:

Infos zu geführten Touren

Infos zur Tourenplanung

Mehrwert Weitwandern: Es ist mehr als nur einen Fuß vor den anderen zu setzen, macht glücklich, hält gesund und tut der Seele gut. Eine Alpenüberquerung führt euch außerdem auf die Spuren von Hannibal oder Johann Wolfgang von Goethe.

Anreise: Das Auto kann (soll) zu Hause bleiben! Mit der Deutschen Bahn geht es nach Gmund an den Tegernsee. Zwischen den Etappen rollen überall gut getaktete Regionsbusse. Wieder an den Ausgangsort nach Gmund oder nach Hause geht es ab Sterzing mit dem Zug. Öffi fahren entspannt und tut außerdem der Umwelt gut.

Mein Tipp: Lasst euch auf Weggefährten bei der Alpenüberquerung ein. Wanderer sind entspannte und angenehme Menschen, die gerne auch ein Stück mit euch gehen und vielleicht noch ein Stückchen weiter. Almhütten, Gasthäuser, Aussichtspunkte oder schöne Pension entdeckt ihr so oder so von alleine und die genüssliche Alpenüberquerung wird zum bleibenden Erlebnis.



NachOben